26.08.2022

Frauengleichstellungstag: Vier Fragen an Raumausstattermeisterin und Bauleiterin Silja Kinast.

Liebe Silja, wir haben deinen Werdegang als Frau in einer Männerdomäne in den letzten Jahren ein wenig begleiten dürfen und uns auch schon öfter mit dir ausgetauscht. Berührungspunkte waren da beispielsweise deine Teilnahme an einem unserer Messermeister Seminare, unser Designboden in deiner Meisterprüfung und verschiedene Social Media Beiträge.

Ein Thema, das sowohl du als auch wir wichtig finden, sind Frauen im Handwerk. Du hast eine tolle Entwicklung durchlaufen und ja auch den Job gewechselt. Erzähl doch bitte mal, was du mittlerweile machst.

Ich bin, nachdem ich weiter als Bodenlegerin nach dem Meister tätig war, jetzt Bauleiterin für den Fußbodenbereich bei uns in der Firma. Das heißt ich plane Baustellen, Materialien und den Einsatz der Mitarbeiter:innen sowie die ungefähre Terminierung der Arbeiten. Ich bin in engem Kontakt mit den Bauleitern der aktiven Baustellen und kontrolliere, ob diese auch laufen. Ich fahre zu den Baustellen, spreche mit meinen Kolleg:innen vor Ort und nehme an Bausitzungen teil, um Probleme und Fragen zu klären. Dann befasse ich mich noch mit Aufmaßen und Abrechnungen und kümmere mich um unsere Auszubildenden.

Hat sich aus deiner Sicht die Situation für Frauen im Handwerk verändert/verbessert? Trägt der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel dazu bei, dass es weibliche Kollegen auf den Baustellen mittlerweile einfacher haben?

Ich denke, dass durch den Fachkräftemangel auf jeden Fall mehr Frauen in Erwägung gezogen werden bei der Einstellung. Wobei ich aus persönlicher Erfahrung sagen kann, dass dies immer noch nicht überall angekommen ist und man lieber niemanden nimmt, statt eine Frau einzustellen. Es findet ein Umbruch statt – allerdings leider sehr langsam.

Wir sind auf ein Zitat gestoßen: „Die Gleichberechtigung ist erst dann abgeschlossen, wenn ich eine schlechte Handwerkerin auf der Baustelle sehe.“ Müssen sich Frauen im Handwerk nach wie vor mehr beweisen als Männer?

Definitiv. Am Telefon sind manche erst einmal verwundert, wenn Sie zu Bauthemen eine Frauenstimme hören. „Sie sind auch während der Bauphase mein Ansprechpartner?“, wird dann ungläubig gefragt.

Ich merke auch oft, dass Bauleiter, die ich das erste Mal treffe, mir ganz spezifische und in dem Moment gar nicht nötige Fragen zum Fach stellen. Nur um zu prüfen, ob ich auch weiß, was ich da tue. Auch wenn ich meine Visitenkarte überreiche, sind viele immer erst von dem „Raumausstattermeisterin“ überrascht, gucken auf die Visitenkarte, dann wieder zu mir. Oft wird man einmal ungläubig von oben bis unten gemustert: „Meisterin, ja?“

Allerdings legt sich die anfängliche Skepsis dann nach kurzer Zeit, dennoch würde ich mir wünschen, dass es diese Reaktion gar nicht erst gäbe. Weil, warum nicht Meisterin?
Als ich letztes Jahr noch auf der Baustelle tätig war, war es nicht anders. Da wird einem heimlich zugeguckt beim Arbeiten, und es kommen Aussagen wie „Das machst du aber gut für eine Frau.“ Falsch. „Ich mache das gut für eine/n Bodenleger/in.“, sollte das wohl eher heißen.

Sobald man einen Fehler macht, wird es darauf geschoben, dass man ja eine Frau ist. Es wäre schön, wenn man sich als Frau auch mal Fehler erlauben oder auch in bestimmten Bereichen weniger Ahnung haben darf, ohne dass das am Geschlecht festgemacht wird.

Wo siehst du den größten Handlungsbedarf auf Seiten der Arbeitgeber und Kunden, um es nachfolgenden Handwerker:innen Generationen leichter zu machen?

Man muss mit der Zeit gehen. Wer jetzt noch die Augen vor Social Media und Co. verschließt, wird früher oder später aus dem Raster fallen. Azubis brauchen heutzutage mehr Unterstützung, und die sollte man auch bieten. Aussagen wie „Zu meiner Zeit hätte es xyz nicht gegeben.“ finde ich ganz furchtbar.

Jede neue Generation ist laut der vorherigen immer die schlimmste. Da werden die Probleme des Azubis direkt kleingeredet oder nieder gemacht. „Früher waren wir nicht so viel am Telefon.“ – Ja, weil es damals keine Handys gab. Deshalb müssen Azubis von Anfang an darauf vorbereitet werden, was Eigenständigkeit und Zuverlässigkeit bedeutet, weil das im Endeffekt für eine viel entspanntere Atmosphäre sorgt.

Da muss allerdings auch was von den Azubis zu kommen. Der Freundin/dem Freund schreiben kann man auch in der Pause oder zum Feierabend. Das muss nicht passieren, wenn man gerade eine Bahn Linoleum einkleben will.

Liebe Silja, vielen Dank für den interessanten Einblick in deine berufliche Welt. Deine Entwicklung ist wirklich beeindruckend und wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg und Respekt für deine Arbeit.

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