30.09.2019

Jambo Kenia, Hallo Kenia – ein HoffnungsBAUer Reisebericht

Seit Anfang 2019 unterstützt PROJECT FLOORS das Projekt „HoffnungsBAUer“. Diese Initiative der Hilfsorganisation Habitat for Humanity Deutschland wendet sich speziell an Unternehmen aus der Bau- und Immobilienbranche, um hilfsbedürftigen Menschen in den ärmsten Regionen der Welt ein festes Dach über den Köpfen zu errichten. Unser Marketingleiter Marco Knop war eine ganze Woche vom 21.-29. September 2019 Teil des Freiwilligenteams, das in Nanyuki, Kenia aktiv vor Ort mitgebaut hat. Hier sein beeindruckender Reisebericht:

Mein Abenteuer Kenia beginnt am Samstag frühmorgens am Kölner Flughafen. Hier treffe ich bereits die ersten Mitstreiter sowie die beiden Teamleiter Gereon und Sascha von Habitat for Humanity (HFH). Nach einem kurzen Zwischenstopp in Zürich geht es dann nonstop weiter nach Nairobi, wo ich nach rund elf Stunden Reisezeit zum ersten Mal in meinem Leben afrikanischen Boden betrete. Der erste Eindruck ist allerdings überschaubar, denn hier ganz in der Nähe des Äquators ist Dämmerung bekanntlich eher ein Fremdwort, und es ist um 18.30 Uhr Ortszeit bereits recht dunkel.

Wir bleiben die erste Nacht in Nairobi bevor es am nächsten Tag, dem Sonntag, gute 200 Kilometer gen Norden nach Nanyuki geht. Auf dieser vierstündigen Fahrt wird einem bereits sehr deutlich vor Augen geführt, dass man sich in einem Entwicklungsland befindet. Selbst in der Hauptstadt – und noch mehr auf dem Land – sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen aus europäischer Sicht geradezu erschreckend. Einfachste Wellblechhütten als Wohnstätten und simpel aus dem verfügbaren Material zusammengezimmerte Unterstände und Verschläge, um den vorbeifahrenden Autos Obst, Gemüse oder Holzkohle zum Kauf anzubieten. Kenia ist ein Land, in dem fast 50% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben und mit durchschnittlich $1,25 pro Tag über die Runden kommen müssen.

Am Montagmorgen geht es dann endlich zu unserem ersten Tag auf der Baustelle. Wir sind eine große Gruppe von insgesamt 24 Freiwilligen plus die einheimischen Koordinatoren James und Ben. Das bedeutet, dass wir sogar für zwei Familien die Häuser bauen können, die ihnen ein besseres Leben ermöglichen sollen. Schon 100 Meter vor der Baustelle werden wir von den Frauen der Gemeinschaft empfangen. Und was für ein emotionaler Empfang das ist! In farbenfroher Tracht und mit Gesang werden wir direkt an die Hand genommen und zum Bauplatz geführt. Ich merke den Menschen die ehrliche Freude über unsere Ankunft und das Engagement von HFH an, insbesondere als uns dann die beiden Familien vorgestellt werden. Kenia hat sehr unter der HIV Infektion gelitten, sodass man davon spricht, eine ganze Generation zwischen 20 und 45 Jahren verloren zu haben. In der Konsequenz ist es üblich, dass die Großeltern oder Verwandten die verwaisten Kinder aufnehmen. Was aber auch bedeutet, dass sieben, acht oder mehr Personen sich kleine Hütten von wenigen Quadratmetern ohne Fenster, Rauchabzug oder fließendes Wasser teilen.

 

Voller Tatendrang legen wir dann umso motivierter los. Die Grundmauern der ca. 40 Quadratmeter großen Häuser sind bereits erstellt worden. Unser Ziel für den ersten Tag ist die Fertigstellung der Bodenplatte. Also Erde, groben Schotter und Sand rankarren und in den Grundmauern verteilen. Danach wird rundum die Verschalung befestigt und der Beton angemischt. Auch hier heißt es viel Schaufelarbeit zu leisten, um Sand, Kies und Zement mit Wasser zu vermischen und die Masse per Schubkarre auf das Fundament zu bringen.

 

Bemerkenswert finde ich, wie schnell sich wildfremde Menschen zu einem Team vereinen und die Arbeiten somit schnell erledigt werden, kräftig unterstützt auch von den Einheimischen. Müde aber umso glücklicher und stolzer verlassen wir die Baustelle gegen Abend mit zwei fertiggestellten Bodenplatten, die nun über Nacht aushärten können.

 

Am Tag 2 beginnt dann das Errichten der Außen- und Innenwände. Im Trockenbauverfahren werden aus Lehm und Zement gepresste Steine per Nut und Feder aufeinander gesetzt. Diese zwischen 10 und 12 Kilo schweren Blöcke müssen aber zunächst mal Richtung Bodenplatte geschafft werden. Also bilden wir eine Menschenkette, die Stein für Stein von Hand zu Hand reicht. Wenn man das ein paar Stunden über den Tag verteilt macht, braucht man ganz sicher am Abend kein Fitnessstudio mehr...

Der positive Aspekt an dieser Arbeit ist aber, dass man sehr schnell sieht, wie das Haus wächst. Die erfahrenen Maurer in der Truppe arbeiten fleißig und partnerschaftlich mit den einheimischen Kollegen zusammen, auch wenn das Verfahren und die Sorgfalt nicht immer den eigenen Ansprüchen gerecht wird und das Equipment eher rustikal ist. Immerhin lassen die Steine sich bei Bedarf gut mit einer Machete in die passende Größe bringen. Zum Abschluss des Arbeitstages geht es dann noch zur Äquatorlinie. Hier bekommen wir eindrucksvoll präsentiert, dass der bekannte Effekt des links- oder rechtsdrehenden Wassers schon jeweils nach 20 Metern jenseits der Linie funktioniert. Faszinierend!

 

Marco Knop (rechts), unser Marketingleiter

Tag 3 beginnt mit dem schon bekannten Training. Der Rest der ca. 2.000 Steine will von A nach B, und die Muskeln schmerzen ja auch fast gar nicht mehr. Immer höher reichen die Mauern, die Aussparungen für die Fenster werden sichtbar und schnell ist die erforderliche Anzahl an Reihen aufeinander gesetzt, um den Ringbalken vorbereiten. Das Ziel für Tag 4.

Den Nachmittag verbringen wir nämlich mit einer kleinen Auszeit. HFH hat für die Freiwilligen eine Safaritour in den Ol Pejeta Nationalpark organisiert, ein 360 Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet, in dem sich die „Big Five“ finden lassen, sofern man ein wenig Glück hat. Und tatsächlich meinen es Elefant, Büffel, Nashorn und Löwe gut mit uns und lassen sich mal mehr und mal weniger nah blicken und ablichten. Dass der Leopard heute keine Lust auf Besucher hat, nehmen wir ihm nicht übel. Giraffe, Zebra, Antilope und Warzenschwein vertreten ihn würdig. Wir genießen die wunderschöne Natur und sind begeistert von der Gelegenheit, diese Tiere in freier Wildbahn statt im Zoo sehen zu können.

In dem Wissen, dass wir in den ersten 3 Tagen sehr viel weiter gekommen sind als von der Teamleitung vorgesehen, wollen wir auch den Donnerstag zu einem erfolgreichen Tag werden lassen. Leider werden wir aber durch die Gegebenheiten ein wenig ausgebremst. Nur wenige Bretter für die obere Verschalung sind vorhanden, so dass immer wieder improvisiert werden muss. Auch das Vorbereiten der Bewehrung, also die Verstärkung des Betons mit einem Stahlgitterkasten, zieht sich lange hin. Dünne Eisenstangen müssen auf ein gleichmäßiges Maß geschnitten und in Quadrate gebogen werden. Dicke Stangen müssen ebenfalls passend gekürzt werden, um dann jeweils vier pro Wand in den Ecken der Quadrate alle 30 Zentimeter mit Draht zu befestigen. 

Dummerweise stellen wir anschließend auch noch fest, dass das Format der Quadrate zu groß vorgegeben wurde und die Gitterkästen somit zu breit und zu hoch sind, um die erforderlichen 2 Zentimeter Beton auf allen Seiten zu haben. Also erneute Notfallkorrektur und Einsatz der Eisensäge, um bestmöglich die Lage zu retten. Heute schaffen wir unser selbstgestecktes Tagesziel nicht, denn noch kein bisschen Beton ist in die Verschalung geflossen. Aber wie sagt man hier so schön: „T.I.A. - This is Africa“. Und das muss man als Deutscher auch einfach mal gelassen hinnehmen können.

 

Dass wir trotz allem mit einem Lächeln ins Hotel zurückkehren, liegt an unserem Besuch vorheriger HFH Projekte. Zum einen sehen wir ein fertiges Haus so wie wir es bauen. Das deutsche Team im Vorjahr hat dieses weitest möglich errichtet, und heute konnten wir mit der Familie sprechen, wie sehr sich ihr Leben dadurch verändert hat. Eine Aussage wie „Zum ersten Mal in meinen 69 Jahren habe ich in der Regenzeit keine Angst mehr um mein Heim und meine Habseligkeiten.“ hinterlässt bei allen eine Gänsehaut.

Das zweite Projekt in dieser Gemeinschaft, das von HFH realisiert wurde, ist ein eigener Brunnen, um jederzeit die Frischwasserversorgung zu sichern. Mit Tanz, Gesang und Dankesreden wird die solarbetriebene Anlage in unserem Beisein feierlich in Betrieb genommen. Wer schon einmal einen vollen 10 Liter Eimer nur wenige hundert Meter getragen hat, der kann sich gut vorstellen, welche Erleichterung es für die Menschen ist, ihre 20 bis 30 Liter nicht mehr aus einer 5 Kilometer entfernten Wasserstelle holen zu müssen.

 

Freitag, der letzte Tag auf der Baustelle in Nanyuki, beginnt mit den finalen Arbeiten an der Verschalung. Lücken müssen mit Resten der Zementsäcke gestopft werden, schräge Stützbalken werden zur Stabilisierung an die Bretter genagelt und mit schweren Steinen am Boden gesichert. In der Pause wird fleißig diskutiert, ob wir es in der kurzen, verbleibenden Zeit noch schaffen können, die Ringbalken beider Häuser mit Beton zu füllen. Es bleiben nur noch zwei Stunden, denn um 12.30 Uhr soll die Abschlussfeier beginnen.

 

Was dann passiert, haut uns aber alle nachträglich aus den Socken. Mit vereinten Kräften des gesamten Teams bilden wir wieder eine Kette, die den Beton in die Verschalung des ersten Hauses transportiert. Ein Teil der Gruppe mischt an, der andere Teil reicht in Windeseile Eimer um Eimer weiter über eine aus Balken und umgedrehten Schubkarren zusammengebastelte Rampe. Und die Kinder des Dorfes haben Spaß, die leeren Eimer zurückzubringen. So dauert es nur knapp eine Stunde und wir sind hier fertig! Selbst die langjährigen Bauleiter in unserer Truppe sind überzeugt, dass es mit einer Betonpumpe wie in Deutschland nicht schneller gegangen wäre.

 

Flugs wird die Rampe zu Haus 2 gebracht, und erneut packt jeder mit an, um die Eimer nahezu durch die Reihen fliegen zu lassen. Unter großem Jubel wird die letzte Ladung in die Verschalung geschüttet, unsere Gesichter sind verschwitzt und dreckig aber mit einem breiten Grinsen versehen, als wir uns reihum in die Arme fallen. Ein unglaublich gutes Gefühl!

Mit nur leichter Verspätung kann die Abschlussfeier beginnen, bei der wir uns auch vom einsetzenden Regen nicht erschüttern lassen, der uns die ganze Woche immer wieder begleitet hat – glücklicherweise meist zur Mittagspause. Die Frauen der Gemeinschaft haben sich erneut herausgeputzt, singen, tanzen und klatschen mit uns. Die Verantwortlichen von HFH Kenia kommen zu Wort und bedanken sich für unsere Leistung und das rekordverdächtige Vorankommen in den 5 Tagen, das die Zeit bis zur endgültigen Fertigstellung durch die lokalen Arbeiter von HFH entsprechend verkürzt. 

 

Besonders bewegend sind aber die Worte der beiden Familien, für die wir gebaut haben. Von Herzen wird uns gedankt, alle guten Wünsche für unser weiteres Leben werden ausgesprochen und die Einladung, natürlich jederzeit als Gast im neuen Haus willkommen zu sein. Viele von uns müssen an dieser Stelle ein paar Tränchen verdrücken. Auch James bestätigt uns, dass wir hier mehr getan haben als zwei Häuser zu bauen. Alleine die Tatsache, dass die weißen Freunde einen so weiten Weg unternommen haben, um hier in Kenia den Ärmsten der Armen eine Zukunft zu geben, wird für die Gemeinde noch sehr lange nachwirken.

 

Nach deutscher Tradition überreichen wir Salz und Brot und pflanzen neben jedem Haus auch noch einen Baum. Und auch wir werden beschenkt und freuen uns über ein bunt gemustertes Tuch, wie es die Einheimischen tragen. Bevor wir die Baustelle verlassen verteilen wir noch die mitgebrachten Süßigkeiten, Luftballons oder Seifenblasendosen an die Kinder. Strahlende Augen und fröhliches Lachen gehen ins Herz und werden uns als eine von vielen tollen Erinnerungen für immer bleiben.

Auf der heutigen Rückfahrt zum Hotel ist es so still wie noch nie in den Bussen. Jeder hängt seinen Gedanken nach, lässt die Woche für sich Revue passieren und tut sich schwer mit dem Wissen, dass unser Einsatz in Nanyuki schon vorbei ist. Aber am Abend feiern wir auch, was wir geschafft haben. Wir fühlen eine glückliche Zufriedenheit, einen gewissen Stolz, bei den Arbeiten auch mal an die eigenen Grenzen der körperlichen Belastung gegangen zu sein, aber auch ein großes Stück Demut angesichts der bescheidenen Lebensumstände dieser so herzlichen und freundlichen Menschen.

 

Die letzte Nacht in Nanyuki ist kurz, die Fahrt zurück nach Nairobi lang und warm. Ein kurzer Ausflug zu einem großen Markt, um noch ein paar Souvenirs zu kaufen, beendet mein Abenteuer HoffnungsBAUer 2019. Per Nachtflug geht es wieder über Zürich nach Hause, wo ich am Sonntagmorgen erschöpft aber emotional sehr viel reicher ankomme.

Was bleibt von dieser Reise? Zunächst einmal viele sehr sympathische Kolleginnen und Kollegen, die unabhängig von ihrem Alter, ihrer beruflichen Position und ihrer baurelevanten Kenntnisse zu mehr als einem Team zusammengewachsen sind. Und ganz besonders ein nachhaltiges Erleben des echten Afrikas, weit abseits des Massentourismus und mit all den Schattenseiten von Armut, Krankheit und Perspektivlosigkeit. Dazu zahllose Eindrücke, Erfahrungen und das Realisieren, dass schlechter Handyempfang oder Stau im Berufsverkehr in Wirklichkeit nicht mal ein Luxusproblem, sondern schlichtweg gar kein Problem sind.

 

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Vielen Dank an HFH für die großartige Organisation, vielen Dank an Markus Dünkelmann, dass ich diese Reise für PROJECT FLOORS mitmachen durfte und „asante sana“ – vielen Dank an meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die ich hoffentlich bald wiedersehen werde. Vielleicht auch wieder in Afrika.

Herzlichst, Ihr Marco Knop